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CHRISTIAN ERNST
POTSDAM - Paddeln im Herzen Potsdams vor tausenden Zuschauern: Tim Wieskötter
war auch nach dem Rennen noch auf voller Fahrt voraus. "Ein Traum, mitten durch
einen Tunnel aus Menschen - man will gar nicht mehr aufhören." Und Ronald
Rauhe, der mit Wieskötter seit Jahren im Kajakzweier auf den Regattastrecken dieser
Welt von Sieg zu Sieg durchs Wasser pflügt, rühmte: "Dieser Austausch
mit dem Publikum: einmalig. Alles ist so intensiv und wirkt viel schneller als sonst."
Der Eindruck täuschte nicht. Keiner war beim 1. Potsdamer Kanalsprint am Sonntag
schneller unterwegs als Lokalmatador Rauhe. Mit 22,43 Sekunden stellte der Olympiasieger
den Streckenrekord über die 170 Meter lange Wasserstraße auf und kassierte
in seiner Konkurrenz, dem Kajaksprint der Herren, 1000 Euro Siegprämie. "Was
ich damit mache?", grinste der Mann, der kein Kind von Traurigkeit ist, "einen
ausgeben, am Einheitstag ist mein 24. Geburtstag."
Rauhes Clubkollege Peter Hörnig hatte auch etwas zu feiern. Er gewann bei diesen
Wettfahrten, bei denen sich jeweils zwei Paddler im K.o.-System duellierten, im Indianerboot.
"Für das Geld kaufe ich eine Spülmaschine", mag sich Hörnig
die Hände in der Freizeit nicht mehr nass machen. Bei den Damen überreichte
Ministerpräsident Matthias Platzeck, der Schirmherr des Spektakels, den Siegerpokal
an Conny Waßmuth. Die Magdeburgerin hatte Potsdams dreifache Weltmeisterin Katrin
Wagner-Augustin um eine Handbreit abgehängt.
Aber irgendwie war das Ergebnis gar nicht so wichtig. Vielmehr ging es bei dieser Regattapremiere,
die in punkto Veranstaltungsort und Volksnähe weltweit ihresgleichen sucht, um
das Ereignis selbst. Erstmals waren die Paddler mittendrin, statt nur dabei. Im Rahmen
des Bürgerfestes zur deutschen Einheit hatte die Paddelei in Potsdams historischer
Mitte auf einem fast 300 Jahre alten Kanal stattgefunden. Zehntausende Zuschauer waren,
über den ganzen Tag betrachtet, zu Besuch bei dieser vermeintlichen Randsportart.
Sie sorgten für eine Atmosphäre wie bei einer Etappenankunft der Tour de
France.
"Der Kanurennsport ist ins Zentrum der Stadt Potsdam, ins Zentrum der Öffentlichkeit
gerückt", schwelgte Platzeck. Wie die Kanuten zuvor auf dem Kanal war der
Landes-chef kaum zu bremsen. Hier sei um Ideengeber Jürgen Eschert eine Gemeinde
gewachsen, die gerne etwas auf den Weg bringt. So ein bisschen haben sie dem Vereinigungsprozess
hierzulande mit dieser Aktion sogar den Spiegel vorgehalten: Selbst ist der Kanute.
Nicht eine Anregung oder Geld aus dem Westen hat die Boote in Fahrt gebracht. Der KC
Potsdam hat sich alles selbst ausgedacht, selbst Sponsoren gewonnen, es selbst umgesetzt
und ist nun stolz auf etwas Eigenes. "Toll, der Kanurennsport ist hier auf die
Menschen zugegangen", lobte der neue Chefbundestrainer Reiner Kießler. Nicht
nur er war hautnah dabei.
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